Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, dass auch ETFs praktisch wertlos werden können. Anleger, die auf den MSCI Russia gesetzt hatten, standen vor einem Totalverlust. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario bei deinem MSCI World oder S&P 500 ETF? Die kurze Antwort: Bei breit gestreuten Welt-ETFs ist ein Totalverlust nahezu ausgeschlossen. Trotzdem solltest du die Risiken kennen.
Das Wichtigste in Kürze
- Breit gestreute Welt-ETFs wie der MSCI World sind durch Diversifikation über 1.500+ Unternehmen praktisch vor einem Totalverlust geschützt
- ETFs sind Sondervermögen und damit bei einer Pleite des ETF-Anbieters oder der Depotbank geschützt
- Erhöhtes Risiko besteht bei Länder-ETFs, Themen-ETFs und gehebelten Produkten
- UCITS-Richtlinien begrenzen das Risiko einzelner Positionen auf maximal 10 % des Fondsvermögens
- Langfristiger Anlagehorizont von mindestens 15 Jahren minimiert das Verlustrisiko erheblich
Was bedeutet ein ETF Totalverlust?
Ein ETF Totalverlust bedeutet, dass dein investiertes Kapital vollständig verloren geht und der Wert deiner Anlage auf null fällt. Bei einem breit gestreuten ETF wie dem MSCI World müssten dafür alle 1.500+ enthaltenen Unternehmen gleichzeitig zahlungsunfähig werden. Das wäre nur bei einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft denkbar.
Anders sieht es bei spezialisierten ETFs aus. Der MSCI Russia ETF hat 2022 gezeigt, dass politische Risiken einen Länder-ETF praktisch über Nacht wertlos machen können. BlackRock musste den iShares MSCI Russia ETF auflösen, weil russische Wertpapiere aufgrund der Sanktionen nicht mehr handelbar waren.
Warum ETFs grundsätzlich sicher sind
ETFs gehören zu den sichersten Anlageformen am Kapitalmarkt. Diese Sicherheit basiert auf zwei entscheidenden Säulen: der breiten Streuung und dem gesetzlichen Schutz als Sondervermögen.
Sondervermögen: Dein Schutz bei Insolvenz
Dein in ETFs investiertes Geld ist rechtlich vom Vermögen des ETF-Anbieters getrennt. Selbst wenn iShares, Vanguard oder Xtrackers Insolvenz anmelden würden, bleibt dein Geld geschützt. Die Depotbank ist verpflichtet, das Sondervermögen an die Anleger auszuzahlen oder den Depotübertrag zu einem anderen Anbieter zu ermöglichen.
Das gilt auch für eine Pleite deines Online-Brokers. Deine ETF-Anteile sind dein Eigentum und fallen nicht in die Insolvenzmasse. Du kannst sie jederzeit zu einem anderen Depot übertragen lassen.
💡 Tipp: ETFs sind Sondervermögen. Selbst wenn dein ETF-Anbieter oder Broker pleitegeht, bleibt dein Geld geschützt. Gläubiger haben keinen Zugriff auf deine Anteile.
UCITS-Richtlinien: Eingebaute Risikokontrolle
In der EU müssen ETFs die strengen UCITS-Regeln (Undertakings for Collective Investment in Transferable Securities) einhalten. Artikel 52 der Richtlinie schreibt vor:
- Der Anteil eines einzelnen Unternehmens darf 10 % des Fondsvermögens nicht überschreiten
- Hohe Verschuldung ist verboten
- Ungedeckte Leerverkäufe sind nicht erlaubt
- Das Vermögen muss breit gestreut werden
Daniel Bauer, Vorstandsvorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, hält einen Totalverlust bei breit gestreuten, physischen ETFs für „zu 99,99 Prozent ausgeschlossen“.
Diese ETF-Typen bergen erhöhtes Risiko
Nicht alle ETFs sind gleich sicher. Bei bestimmten Produkten ist ein Totalverlust nicht mehr nur theoretisch möglich.
Länder-ETFs: Das Russland-Desaster
Der MSCI Russia Index wurde im März 2022 eingestellt, weil russische Wertpapiere für westliche Investoren nicht mehr handelbar waren. ETF-Anbieter wie BlackRock, Amundi und Lyxor mussten ihre Russland-Produkte auflösen. Anleger, die ausschließlich auf den russischen Markt gesetzt hatten, erlitten einen faktischen Totalverlust.
Ähnliche Risiken bestehen bei anderen politisch instabilen Regionen. Spannungen zwischen China und Taiwan könnten dazu führen, dass auch chinesische und taiwanesische Aktien vom Handel ausgeschlossen werden. Wer sein gesamtes Vermögen in einen China-ETF investiert, geht ein erhebliches Klumpenrisiko ein.
Gehebelte ETFs: Die unterschätzte Gefahr
Gehebelte ETFs (Leveraged ETFs) vervielfachen die tägliche Wertentwicklung eines Index. Ein 3x gehebelter NASDAQ 100 ETF steigt um 3 %, wenn der Index um 1 % steigt. Er fällt aber auch um 3 %, wenn der Index um 1 % verliert.
Das Problem: Bei einem Tagesverlust von 33 % im Basisindex ist ein 3x gehebelter ETF auf null. Während des Corona-Crashs im März 2020 verlor der WisdomTree NASDAQ 100 3x Daily Leveraged über 70 % seines Wertes. Im Bärenmarkt 2022 waren es sogar über 80 % vom Höchststand.
Zusätzlich führt die sogenannte Pfadabhängigkeit zu einer schleichenden Erosion des Kapitals. In schwankenden Seitwärtsmärkten verlieren gehebelte ETFs kontinuierlich an Wert, selbst wenn der Basisindex am Ende wieder auf dem Ausgangsniveau steht. Diese Produkte sind daher für den langfristigen Vermögensaufbau völlig ungeeignet.
⚠️ Wichtig: Bei einem 3x gehebelten ETF reicht ein Tagesverlust von 33 % im Basisindex für einen Totalverlust. Diese Produkte sind reine Spekulationsinstrumente und nicht für den Vermögensaufbau geeignet.
Themen-ETFs: Enge Streuung, hohes Risiko
Themen-ETFs fokussieren sich auf einzelne Trends wie Wasserstoff, Cannabis, Blockchain oder Künstliche Intelligenz. Sie enthalten oft nur 20 bis 50 Einzelwerte aus einer einzigen Branche.
Der Global X Cannabis ETF hat seit seinem Höchststand über 90 % an Wert verloren. Anleger, die ihr gesamtes Vermögen in solche Trendprodukte stecken, riskieren massive Verluste, wenn der Hype vorbei ist. Ein echter Totalverlust ist bei Themen-ETFs zwar unwahrscheinlich, aber dauerhafte Wertverluste von 80 % oder mehr sind durchaus möglich.
Synthetische ETFs: Das Kontrahentenrisiko
Synthetische ETFs (Swap-ETFs) bilden den Index nicht durch den Kauf der enthaltenen Aktien ab, sondern über einen Swap-Vertrag mit einer Investmentbank. Das Kontrahentenrisiko besteht darin, dass die Bank ausfallen und den Vertrag nicht erfüllen könnte.
In der Praxis ist ein Totalverlust durch Swap-Ausfall noch nie vorgekommen. Die UCITS-Richtlinien begrenzen das Kontrahentenrisiko auf maximal 10 % des Fondsvermögens. Trotzdem bevorzugen viele Anleger physisch replizierende ETFs, um dieses theoretische Risiko zu vermeiden.
Die wichtigsten Risikofaktoren im Überblick
Neben dem Totalverlustrisiko gibt es weitere Faktoren, die deine ETF-Rendite beeinflussen können:
Marktrisiko: Wie alle Börseninvestments schwanken ETF-Kurse mit der allgemeinen Marktlage. Bei Rezessionen, geopolitischen Krisen oder Zinsänderungen können auch breit gestreute ETFs 30 bis 50 % an Wert verlieren. Diese Verluste sind jedoch temporär und erholen sich bei langfristiger Anlage.
Währungsrisiko: Investiert dein ETF in Unternehmen außerhalb des Euroraums, bist du dem Wechselkursrisiko ausgesetzt. Fällt der US-Dollar gegenüber dem Euro, sinkt auch der Wert deines MSCI World ETFs in Euro, selbst wenn die Aktienkurse stabil bleiben.
Politisches Risiko: Das Russland-Beispiel zeigt, dass Sanktionen und Handelsbeschränkungen einzelne Märkte komplett abschneiden können. Dieses Risiko betrifft vor allem Schwellenländer-ETFs und Länder-ETFs auf politisch instabile Regionen.
Liquiditätsrisiko: Bei sehr kleinen oder exotischen ETFs kann es vorkommen, dass zu wenige Käufer vorhanden sind. Die Folge: Du erhältst beim Verkauf nicht den erwarteten Preis. Bei großen ETFs mit einem Fondsvolumen über 200 Millionen Euro ist dieses Risiko vernachlässigbar.
5 Regeln zum Schutz vor ETF-Verlusten
ℹ️ Info: Ein breit gestreuter Welt-ETF mit langfristigem Anlagehorizont ist die sicherste Aktienanlage überhaupt. Der Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hält einen Totalverlust für „zu 99,99 Prozent ausgeschlossen“.
Mit diesen Grundregeln minimierst du das Risiko erheblicher Verluste bei deiner ETF-Anlage:
1. Setze auf breit gestreute Welt-ETFs: Ein MSCI World oder FTSE All-World ETF investiert in Tausende Unternehmen aus verschiedenen Ländern und Branchen. Das eliminiert das Risiko eines Totalverlusts praktisch vollständig.
2. Investiere langfristig: Bei einem Anlagehorizont von mindestens 15 Jahren hat der MSCI World historisch nie Verluste gebracht. Je länger du investiert bleibst, desto geringer ist dein Verlustrisiko.
3. Vermeide gehebelte Produkte: Leveraged ETFs sind reine Spekulationsinstrumente für erfahrene Trader. Für den langfristigen Vermögensaufbau sind sie völlig ungeeignet.
4. Begrenze Länder- und Themen-ETFs: Wenn du in einzelne Länder oder Branchen investieren möchtest, sollte der Anteil am Gesamtportfolio 10 bis 20 % nicht überschreiten. Das Kernportfolio sollte aus breit gestreuten Welt-ETFs bestehen.
5. Achte auf das Fondsvolumen: Wähle ETFs mit einem Volumen von mindestens 200 Millionen Euro. Diese sind liquider und werden seltener geschlossen.
Was passiert bei einer Fondsschließung?
Manchmal schließen ETF-Anbieter einen Fonds, weil er zu klein geworden ist oder der zugrunde liegende Index nicht mehr berechnet wird. Das ist jedoch kein Totalverlust.
Bei einer regulären Fondsschließung erhältst du den aktuellen Wert deiner Anteile ausgezahlt. Der Anbieter verkauft die enthaltenen Wertpapiere und überweist dir den Erlös. Alternativ kannst du deine Anteile oft noch vor der Schließung an der Börse verkaufen.
Anders war die Situation bei den Russland-ETFs: Weil die enthaltenen Wertpapiere nicht mehr handelbar waren, konnten die Anbieter sie nicht verkaufen. BlackRock kündigte an, die russischen Wertpapiere so lange im Fonds zu behalten, bis eine geordnete Liquidation möglich wird. Was dabei letztlich herauskommt, ist bis heute unklar.
Historische Krisen: So haben sich ETFs erholt
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass breit gestreute ETFs selbst schwere Krisen überstanden haben:
Dotcom-Blase 2000 bis 2003: Der MSCI World verlor rund 50 % seines Wertes. Nach etwa 6 Jahren hatte er die Verluste wieder aufgeholt.
Finanzkrise 2008: Der Einbruch betrug ebenfalls rund 50 %. Die Erholung dauerte etwa 4 Jahre.
Corona-Crash 2020: Innerhalb weniger Wochen fielen die Kurse um 30 bis 35 %. Bereits Ende 2020 hatten die meisten Indizes ihre Verluste wieder ausgeglichen.
Die Lehre aus diesen Krisen: Wer investiert bleibt und nicht in Panik verkauft, macht langfristig keine Verluste. Kursschwankungen sind normal und gehören zur Aktienanlage dazu.
Häufige Fragen zum ETF Totalverlust
Kann ich mit einem MSCI World ETF alles verlieren?
Ein Totalverlust beim MSCI World ETF ist praktisch ausgeschlossen. Dafür müssten alle 1.500+ enthaltenen Unternehmen aus 23 Industrieländern gleichzeitig zahlungsunfähig werden. Dieses Szenario ist nur bei einem kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft denkbar.
Was passiert mit meinem ETF, wenn der Anbieter pleitegeht?
ETFs sind Sondervermögen und damit bei einer Insolvenz des Anbieters geschützt. Dein Geld ist rechtlich vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt. Bei einer Pleite wird das Sondervermögen an die Anleger ausgezahlt oder der ETF auf einen anderen Anbieter übertragen.
Sind Swap-ETFs gefährlicher als physische ETFs?
Synthetische ETFs haben ein theoretisches Kontrahentenrisiko von maximal 10 % des Fondsvermögens. Ein Totalverlust durch Swap-Ausfall ist in der Praxis noch nie vorgekommen. Für sicherheitsorientierte Anleger sind physisch replizierende ETFs dennoch die erste Wahl.
Warum haben Russland-ETF-Anleger alles verloren?
Nach dem Ukraine-Krieg wurden russische Wertpapiere aufgrund westlicher Sanktionen vom Handel ausgeschlossen. ETF-Anbieter mussten ihre Russland-Produkte auflösen. Da die Wertpapiere nicht mehr handelbar waren, erlitten Anleger einen faktischen Totalverlust.
Wie lange muss ich investiert bleiben, um kein Geld zu verlieren?
Historisch betrachtet hat der MSCI World bei einem Anlagehorizont von mindestens 15 Jahren nie Verluste gebracht. Bei kürzeren Zeiträumen ist das Risiko temporärer Verluste höher.
Kann mein Broker mit meinen ETFs pleitegehen?
Nein. Deine ETF-Anteile sind dein Eigentum und fallen nicht in die Insolvenzmasse des Brokers. Du kannst deine Anteile jederzeit zu einem anderen Depot übertragen lassen.
Fazit: ETF Totalverlust ist extrem unwahrscheinlich
Ein Totalverlust bei breit gestreuten Welt-ETFs wie dem MSCI World ist nahezu ausgeschlossen. Die Kombination aus Diversifikation über Tausende Unternehmen, dem Schutz als Sondervermögen und den strengen UCITS-Richtlinien macht diese ETFs zu einer der sichersten Anlageformen am Kapitalmarkt.
Das Risiko steigt jedoch erheblich bei spezialisierten Produkten: Länder-ETFs auf politisch instabile Regionen, gehebelte ETFs und enge Themen-ETFs können durchaus massive Verluste bis hin zum faktischen Totalverlust erleiden. Diese Produkte gehören, wenn überhaupt, nur als kleine Beimischung ins Portfolio.
Wer die Grundregeln beherzigt, also breit streuen, langfristig investieren und Hebel meiden, hat mit ETFs ein hervorragendes Instrument für den Vermögensaufbau. Temporäre Kursverluste gehören dazu, werden aber bei ausreichend langem Anlagehorizont zuverlässig wieder ausgeglichen.





